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Sie sind hier: Magazin // 12 / 2011 Zurück zum Ursprung

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Die Geister, die ich rief

Die Geister, die ich rief  / Was der Fortschritt mit uns macht

Wo wären wir heute ohne die bahnbrechenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts? Es war zweifellos eines der erfindungsreichsten bislang, auch wenn die ursprüngliche Idee vielleicht schon viele Jahre vorher geboren wurde. Groß geworden sind diese Entwicklungen erst im 20. Jahrhundert. Sei es im Bereich der Energieversorgung (Licht, Wärme, Kernspaltung), des Haushalts (Waschmaschine, Kühlschrank, Thermoskanne), bei der Fortbewegung (Flugzeuge, Autos) oder in der Kommunikation (Telefon, TV, Radio, Handy, Computer, Internet). Keiner von uns möchte darauf verzichten, denn für jeden bringt es Positives. Wir brauchen uns nicht zu sorgen, es ist davon auszugehen, dass wir uns weiterhin rasant fortentwickeln und die Geschwindigkeit eher noch zunimmt.

Ziehen wir einen Strich unter all diese Erfindungen und fragen wir uns - was hat es uns gebracht?

Die Entwicklungen in der Energieversorgung haben uns eine sehr gute Infrastruktur beschert. Niemand muss sich Gedanken darüber machen, dass ihm der "Saft" ausgeht. Wir haben geheizte Gebäude, warmes fließendes Wasser, Licht überall dort, wo wir es brauchen und manchmal auch an anderen Stellen. Es bringt uns Bequemlichkeit und Sicherheit.

Auf der anderen Seite muss die Energie erzeugt werden. Dazu wurden in der Vergangenheit zum großen Teil Kohle- und Gaskraftwerke genutzt. Ihr Betrieb führte zu extremen Umweltbelastungen hinsichtlich Staub und CO2. Hinzu kommen die zunächst unsichtbaren Beschädigungen durch tausende von Kilometern von Maulwurfsgängen in den Bergbaugebieten und die sichtbare Zerstörung von Umwelt und Ansiedlungen in den Braunkohletagebaugebieten. Hin und wieder rutscht ein Hang mal ab und reißt Häuser mit sich, ab und zu fällt ein Schacht zusammen und lässt alles darüber Befindliche einige Meter nach unten fallen. Der Betrieb der Kohle- und Gaskraftwerke ist allerdings endlich, denn so langsam werden unsere Rohstoffvorkommen knapp. Atomkraftwerke sind da zwar "sauberer" und führen nicht zu dieser Art von Langzeitschäden, sie hinterlassen jedoch Müll, dessen Entsorgung ungeklärt bleibt. Was sie mit dem Menschen und der Erde ansonsten noch anstellen, wenn sie außer Kontrolle geraten, dürfte uns allen sehr bewusst sein.

Dennoch brauchen wir diese Energie heutzutage, sie ist existenziell für unsere Zivilisation. Wir betreiben damit unsere Waschmaschine, die Spülmaschine, den Herd, den Kühlschrank. Wir duschen morgens nach dem Aufstehen und vielleicht noch abends nach dem Sport oder der Arbeit. Das alles sind Geräte und Einrichtungen, die uns die Arbeit erleichtern und uns Zeit verschaffen, damit wir uns um andere Dinge kümmern können, und die uns das Leben etwas angenehmer machen. Der Wasserverbrauch wird natürlich optimiert, dennoch verbraucht ein Mensch in Deutschland pro Tag durchschnittlich 140 Liter Frischwasser. Eine gigantische Menge, wenn man bedenkt, dass ein Mensch in Afrika für jeden Liter Wasser oftmals kilometerweit laufen und diesen schleppen muss.

Weniger bekannt sind in der Regel die industriellen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Diese - zunächst gepriesen als Wunderwerke der Effizienz und Effektivität - zeigten relativ schnell ihre Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft. Zunächst profitierten viele von der Massenproduktion. Sie sicherte die Versorgung und das zu einem günstigen Preis. Allerdings wurde die Produktion zunehmend automatisiert, der Arbeiter zunehmend ersetzt durch Maschinen. Wo er nicht ersetzt werden konnte, wurde er in ein enges zeitliches Korsett gezwängt und musste stundenlang dieselben Tätigkeiten ausführen. Das aufgrund des Preisdrucks innerhalb der Branchen zu einem Hungerlohn, der alleine nicht reicht, um ihm und seiner Familie ein angemessenes Leben führen zu lassen. Dafür musste er dann mit den gesundheitlichen Folgen leben.

Der technische Fortschritt hat auch gute Seiten. Denken wir an die Medizintechnik, die heutzutage sehr präzise Eingriffe erlaubt, die den Patienten möglichst wenig belasten oder einschränken oder eine Behandlung überhaupt erst möglich machen. Auf der anderen Seite werden die ersten Roboter vorgestellt, die - angeblich - menschliche Reaktionen zeigen können und auf die Umwelt reagieren. Es gibt Roboterhunde, die in Asien an der Leine Gassi geführt werden können, was wir - noch - belächeln. Aber wie weit sind wir noch weg von der Entwicklung des Terminators bei Cyberdyne Systems?

Die im 20. Jahrhundert groß gewordenen Techniken bei der Fortbewegung haben unser Leben und unsere Gesellschaft wohl am meisten geprägt. Durch das Auto sind wir mobil und flexibel wie nie zuvor. Die Straßeninfrastruktur erlaubt uns, fast überall hin zu gelangen, wo es uns beliebt. Abgelegene Gegenden sind nicht länger außen vor, sondern deren Bewohner können in kurzer Zeit zur nächstgelegenen Ortschaft oder Stadt gelangen, um sich zu versorgen, den Turnverein zu besuchen oder einfach mal einen Ausflug zu machen. Auch wer weiter weg möchte, hat heutzutage die allerbesten Möglichkeiten. Die Flughafendichte ist ausreichend, um mal eben kurz einen Wochenendtrip nach Rom, Helsinki, Prag, Barcelona zu machen oder zum Weihnachtsshopping ein verlängertes Wochenende in New York zu verbringen. Früher brauchte man Wochen dafür. Die Geschäftswelt ist von dieser Flexibilität besonders positiv betroffen. Erlaubt sie den Unternehmen doch, ihr Geschäft global deutlich besser ausbauen zu können. Manager fliegen Millionen von Meilen mehrfach im Jahr um die Welt, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Erfreulicherweise rückt gerade bei diesen Erfindungen das Bewusstsein für die Nachteile mittlerweile sehr wohl in unser Bewusstsein. Wir rauben der Erde die Rohstoffe, verpesten unsere Umwelt und unsere Luft, erzeugen CO2, schädigen die Ozonschicht und letztlich uns selbst. Wir opfern die Reste der verbleibenden Natur einer Asphaltdecke, damit uns auch die letzten 10 Minuten Umweg erspart bleiben.

Und was macht es mit uns Menschen? Wer Urlaub zu Hause macht ist out, wer mit der Bahn in den Schwarzwald fährt ebenfalls. Um beim Smalltalk angehört zu werden, muss man schon mindestens eine Flugreise gemacht haben und zwar möglichst weit weg. Auch das reicht oft nicht mehr, denn Pauschalreisen kann sich mittlerweile auch jeder leisten (oder finanzieren). Besser ist es, wenn es noch eine besondere Reise ist, z. B. eine Expedition in den Himalaya, geführte Tauchgänge in die unentdeckten Tiefen der Malediven oder ähnliches.

Bleiben noch die bahnbrechenden Erfindungen der Kommunikation. Das Radio und das Fernsehen - als Basisinformationsquelle mittlerweile abgelöst durch das Internet. Vor allem beim Fernsehen muss man daher Anreize schaffen, damit die Leute sich das Programm ansehen. Herausgekommen sind tiefgehende Sendungen wie "Bauer sucht Frau", "Raus aus den Schulden", "Mitten im Leben", "Die Auswanderer" oder  "Richterin Barbara Salesch" usw., die uns eine Welt vorgaukeln, die nicht realistisch ist. Insbesondere unserer Jugend fällt es zunehmend schwer, dies zu begreifen.

Computer und Handys sind weitere bahnbrechende Erfindungen. In der Geschäftswelt heute nicht mehr wegzudenken, erleichtern sie doch die globale Kommunikation wie kein anderes Gerät. Rund um die Uhr ist man persönlich oder schriftlich erreichbar und kann reagieren. Freizeit und Arbeitszeit verwischen. Unsere Kinder und Jugendlichen haben neue Statussymbole. Waren es früher Bonanzaräder, Mofas oder später das erste Auto, haben sie heute alle ein Handy oder besser Smartphone und einen Highend PC. Sie laufen mit IPods über die Straße, abgeschirmt von ihren Kopfhörern und blind für ihre Umwelt.

Die zunehmende Menge und zeitlose Übermittlung von Informationen aller Art überfordert uns langsam, aber sicher. Sie macht uns krank. Wir haben Depressionen, Burn-Out, Verspannungen und "Rücken". Wir sitzen uns fett und vernachlässigen unser soziales Leben. Ständig fühlen wir uns genötigt, unsere Ausstattung zu verbessern, zu aktualisieren: energiesparender, wassersparender, die neuste PC-Technik, den augenfreundlichsten Fernseher, den schnellsten Internetzugang. Wir kommen kaum noch mit und verlieren uns in der modernen Welt.

Was hat uns das alles gebracht?

Jede Erfindung hat zunächst Positives bewirkt. Sie hat unser Leben vereinfacht und / oder bereichert. Wir haben unseren Alltag darauf abgestimmt und heute können wir nicht mehr ohne. Erfindungen bringen Wohlstand, Wohlstand bringt Wachstum. Zuviel Wachstum bringt jedoch Probleme und langsam begreifen wir, dass viele unserer bequemen Alltagshelfer Nachteile mit sich bringen, die unser zukünftiges Leben oder das unserer Kinder erheblich negativ beeinflussen können. Damit wäre der erste Schritt getan, jetzt müssen die Weiteren folgen. Es macht keinen Sinn, das Rad der Entwicklungen zurückzudrehen, aber vielleicht können wir anfangen, in Maßen zu konsumieren, den weiteren Fortschritt im Einklang mit der Umwelt zu begehen und vor allem - uns Menschen dabei mitzunehmen.

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Kommentare und Meinungen

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Ein Gast schrieb am 12.12.2011 um 11:55:
na, das nenne ich mal einen gelungenen Bericht, der zum Nachdenken anregt. Als Lehrerin werde ich diesen Bericht meinen Schülern einmal vorlegen...das bringt bestimmt Diskussionsstoff ... Danke

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