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Sie sind hier: Magazin // 11 / 2011 nachhaltige Geldanlagen

Spenden statt Steuern?

(c) StayFair GmbH

Freiwillig spenden statt Steuern zahlen?

Freiwillig Spenden statt Steuern zahlen - Was ist uns unser Staat noch wert?

In regelmäßigen Abständen erscheinen die Pressemitteilungen zur Erhöhung oder Senkung von Steuern und / oder Abgaben. Ebenso regelmäßig wird über mehr Netto vom Brutto diskutiert oder wir ärgern uns über die viel zu komplizierte Steuererklärung. Dabei ist ganz grundsätzlich wahrscheinlich für jeden von uns nachvollziehbar, dass unser Staat Steuern braucht, nämlich um sich selbst und die Erfüllung seiner Aufgaben zu finanzieren. Warum aber fühlen sich so viele vom Staat ausgenommen?

Lassen Sie sich auf ein kleines gedankliches Experiment ein: gehen wir viele Jahrhunderte in der Zeit zurück. Irgendwo in Mitteleuropa haben sich Menschen mit ihren Familien niedergelassen, um dort zu leben. Sie haben eine einfache Hütte errichtet, bauen auf dem Feld Getreide und Gemüse an und halten im besten Fall noch eine Kuh oder Hühner, um sich mit Milch, Eiern und ggf. etwas Fleisch zu ernähren. Einige der Siedler üben nebenbei ein Handwerk aus.

Um sich mit Dingen zu versorgen, die nicht jede Familie selbst herstellen kann, tauschen Bewohner ihre Erzeugnisse gegen Produkte anderer Familien aus dem Umkreis oder bieten sie gegen Entgelt an. Mit zunehmender Anzahl an Familien entwickelt sich eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Man kennt sich, man hat täglich miteinander zu tun. Schnell stellen die Familien fest, dass es durchaus angenehm ist, in einer Gemeinschaft zu leben. Sie können sich die Aufgaben teilen und sich spezialisieren, dadurch das vorhandene Know-How optimal nutzen und sehr effektiv arbeiten.

Für die neue Gemeinschaft wird ein gemeinsamer Brunnen gebaut, eine Kirche, eine Schule, ein Marktplatz mit Wirtshaus, wo das tägliche Leben stattfindet. Schnell bilden sich erste Aufgaben heraus, bei denen nicht das direkte tägliche Überleben im Vordergrund steht sondern ein Dienst für die Gemeinschaft.

Da verunglückt plötzlich ein Familienvater bei der Arbeit und kann seine Familie nicht mehr ernähren. In der Gemeinschaft entsteht Mitgefühl und Solidarität. Schließlich hat der Mann mit seiner Leistung der Gemeinschaft Gutes getan. Die Gemeinschaft beschließt, ihn und seine Familie zu unterstützen und stellt ihm die Waren zur Verfügung, die er und seine Familie zum Überleben benötigen. In einer anderen Familie erkrankt die Frau und stirbt. Ihre Aufgaben können nur zum Teil von den anderen Familienmitgliedern übernommen werden, auch sie bedürfen der Unterstützung der Gemeinschaft und bekommen sie.

Neben unserer Gemeinschaft gibt es im nahen Umkreis weitere Gruppen, die sich auf ähnliche Art zusammengefunden haben. Sie haben begonnen, Ihre Waren auf dem Markt unserer Gemeinschaft günstig anzubieten. Damit machen sie den Mitgliedern in der Gemeinschaft starke Konkurrenz. Gleichzeitig kommt es an den Grenzen zu Unklarheiten hinsichtlich der Zugehörigkeit des Landes zu einzelnen Familien. Wie soll damit umgegangen werden?

Ein anderes Mitglied der Gemeinschaft wird dabei erwischt, wie es Waren aus einer Kammer stiehlt. Banditen treiben sich zu allem Überfluss in der Gegend herum, überfallen Höfe und stehlen deren Waren. Was muss getan werden?

Die Gemeinschaft trifft sich auf dem Marktplatz, um die Probleme zu besprechen. Sie ernennen einige Mitglieder zu ihren Vertretern und übertragen ihnen Aufgaben, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Der eine soll Kontakt zu den benachbarten Gemeinschaften aufnehmen und die Grenzstreitigkeiten sowie den Warenwettbewerb klären und regeln. Ein anderer soll eine Verteidigung in Form von Militär und einem Zaun gegen die Banditen aufbauen. Ein Dritter soll sich um den Dieb kümmern und ein anderer um die Verteilung von Waren an bedürftige Mitglieder der Gemeinschaft. So wirkt eine schier unendliche Vielfalt und Anzahl von Aufgaben und Ereignisse von innen und außen auf die Gemeinschaft ein und fordert personelle, zeitliche, materielle und finanzielle Ressourcen.

Damit die benannten Vertreter ihre von der Gemeinschaft definierten Aufgaben wahrnehmen und deren Interessen vertreten können, erhalten Sie von der Gemeinschaft die Waren, die sie benötigen. Zur Finanzierung der erforderlichen Ausrüstungen, Einrichtungen, Bauten, Reisen usw. werden Waren verkauft und die Erlöse den Vertretern zur Verwaltung übergeben. Die Mitglieder der Gemeinschaft erbringen somit eine Art freiwillige Steuer und keiner von ihnen würde Anstoß an der Zahlung nehmen, hat er doch einen direkten Nutzen davon. Der Begriff "Steuer" kommt im Übrigen aus dem althochdeutschen "stiura" und bedeutet Hilfe oder Beihilfe.

Zugegeben, diese Darstellung ist sehr stark vereinfacht und ganz ohne Diskussion über den Tauschwert einzelner Waren oder die Höhe der Abgabe des Einzelnen an die Gemeinschaft wird es auch nicht gelaufen sein. Dennoch - warum sehen wir heute die Steuer eher als Zwangsabgabe an?

Es gibt nicht nur einen Grund, der zur Entstehung dieser Meinung beiträgt. Es sind mehrere Dinge, die zusammen kommen.

Da wären zunächst unsere Staatsvertreter, die durch ihr Handeln, durch ihre (mangelnde) Integrität und nicht zuletzt wegen der Qualität ihrer Leistungen zu dieser Meinung beitragen. Statt den Bürgern das Bewusstsein zu geben, dem Staat und damit seiner eigenen Gemeinschaft mit der Zahlung der Steuer etwas Gutes zu tun, wird jeder Bürger unter Generalverdacht gestellt, Steuern zu hinterziehen. Die Kontrollmechanismen werden ausgeweitet, natürlich unter Berufung auf die Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, aber nicht unbedingt mit moralisch unbedenklichen Mitteln (siehe die Beschaffung der Steuer-CD). Die Automatismen zur Eintreibung der Steuern werden immer weiter ausgebaut. In der Not, immer mehr Steuern einnehmen zu müssen und immer mehr so genannte Schlupflöcher zu stopfen, wird das Steuerrecht gebogen und gebrochen, so dass der normale Bürger ohne Unterstützung von Experten nicht mehr in der Lage ist, seine Steuern selbst zu erklären.

Die Handlungsweisen unserer Politiker entfernen sich immer weiter von unserer Bevölkerung. Eigentlich sollten die Staatsvertreter die Meinung der Bürger vertreten. Aber schon bei den Koalitionsverhandlungen nach einer Wahl wird damit begonnen, die gewählte Meinung zu vermengen und zu vermischen, Einigung und Konsenz durch das Erreichen eines gemeinsamen Nenners zu erhalten. Die ursprünglich vom Volk gewählte Fahrtrichtung wird aufgeweicht und in Teilen verändert, ohne dass wir Bürger darauf noch Einfluss nehmen könnten.

Die Selbstbedienungsmentalität (und somit die verfallende Moral und Vorbildfunktion) mancher Staatsdiener irritiert die Bevölkerung zudem. Richtlinien werden großzügig ausgelegt, private Reisen gerne einmal mit dienstlichen verknüpft und über die Höhe der Bezüge entscheidet man mehr oder weniger selbst, ohne dass wir Bürger - als die Zahlenden - einen Einfluss ausüben könnten. Es fehlt uns der klare Gegenwert, der individuelle Nutzen unserer Steuerzahlung.

Auch die gesellschaftliche Entwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund der Globalisierung, tut ihr Übriges dazu. Die Unternehmen sind immer mehr unter Erfolgsdruck, somit auch die Mitarbeiter. Jeder Einzelne sorgt sich um seinen Arbeitsplatz, die Einkommen werden - zumindest gefühlt  - immer geringer, die Preise für die Versorgung immer höher. Es bleibt netto immer weniger in der Geldbörse und das, wo man auch gerne an den Errungenschaften der Gesellschaft teilhaben möchte. Man braucht ein Auto, ein Handy, ein Tablet-PC, man möchte ins Kino, die neuesten Anziehsachen usw.

Die derzeitige Eurokrise verunsichert und bestärkt den Einzelnen darin, sich in erster Linie selbst zu versorgen und sich um sich selbst zu kümmern. Mitgefühl und die Solidarität, kurz - der ethische Zusammenhalt der ursprünglichen Gemeinschaft, teilweise sogar der Familie, werden weniger wichtig, lösen sich z. T. mehr und mehr auf. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen aufgrund ihres Alters oder ihrer Gesundheit nicht mehr in der Lage sind, für die Gemeinschaft eine Leistung zu erbringen. Und es gibt auch diejenigen, die sich auf dem Rücken der Gemeinschaft ausruhen, ohne dass der Staat in der Lage zu sein scheint, dieses Thema in den Griff zu bekommen. So entsteht der Eindruck, dass die Unproduktiven einer Gemeinschaft auf Kosten der Produktiven leben. Die Transferleistungen nehmen immer weiter zu, die Leistungserbringer bei unserer demagogischen Entwicklung immer weiter ab.

Was ist uns unser Staat noch wert? In unserem anfangs beschriebenen Experiment hätten die Mitglieder der Gemeinschaft eine schnelle Lösung gefunden. Sie hätten sich zusammengesetzt, diskutiert, welche Waren / Leistungen / Gelder für welche Aktivitäten zum Wohle der Gemeinschaft benötigt werden, hätten festgelegt, wer welche Waren / Leistungen / Gelder erbringen soll und hätten mit der Umsetzung angefangen. Das setzt jedoch grundsätzlich eines voraus: Interesse an der Gemeinschaft und die Mitarbeit daran, dass die Vorteile umgesetzt, die Nachteile reduziert werden, so dass der Nutzen für jeden Einzelnen erkennbar wird.

Ganz so einfach ist es für uns heute nicht mehr, aber genau an diesem Punkt fängt es an. Der Bürger hat einen Anspruch darauf, dass seine Steuergelder in seinem Sinne verwendet werden. Dazu muss er jedoch auch definieren, wofür das sein soll und aktiv teilhaben. Was würde passieren, wenn wir heute die Steuern durch freiwillige Zahlungen ersetzen würden? Was meinen Sie?

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