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Stayfair
von Klaus Schuppert, veröffentlicht am Sonntag, 03. Juli 2011
Beim Kurztrip in ein Weinanbaugebiet kann der aufmerksame Beobachter viel von der Handwerkskunst des Winzers selber sehen.
Weinanbaugebiete sind auch immer beliebte Urlaubsziele, ob die Rioja, das Bordeaux, die Toskana oder der Rheingau. Beim Wandern oder Schlendern durch die von Rebgärten geprägte Landschaft lohnt es sich mit dem Auge dem Rebstock und dem Boden etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen - schnell entdeckt das Auge gravierende Unterschiede. Gibt es Kräuter und Blumen zwischen den Reihen, kann man braune Spritzspuren von dauernden Herbizideinsätzen sehen. Oder ist der Rebstock über und über mit Trauben behangen um eine maximale Erntemenge zu erzielen? Um Ihnen das Thema etwas näher zu bringen, haben wir mit Max Himstedt vom Weingut August Kesseler in Assmannshausen gesprochen.
SayFair:
Herr Himstedt, ihr Kollege an der Rhone Christophe Delorme flachst schon mal mit dem Thema Öko und Bio- Wein, weil er sagt, ein ganz kleines bisschen hat das ja etwas mit Heucheln zu tun, da 100 % Bio eigentlich gar nicht möglich sei. Mindestens Kupfer wird eingesetzt. Welche Einstellung haben Sie zu diesem Thema?
Herr Himstedt:
Den Gedanken Bio vorwärts zu treiben finde ich grundsätzlich gut. Man hat mit der Möglichkeit Chemie einzusetzen viel zu viel gemacht. Die kleinsten Schadorganismen wurden immer versucht sofort im Keim zu ersticken. Chemische Keulen wurden zum Teil eingesetzt ohne darüber nachzudenken. Man muss auch die Natur "einfach mal machen lassen". Nützlinge werden hierdurch auch dezimiert und das Gleichgewicht massiv gestört. Wie allerdings biodynamisch funktionieren soll, ist mir ein Rätsel. Viele Aspekte, die hier notwendig sind, sind dann eigentlich schon nicht mehr Bio. Ich muss hier viel häufiger durch den Weinberg fahren und der Einsatz an Mechanisierung ist enorm hoch und der biologische Gedanke wird hier unter Umständen wieder ad absurdum geführt.
StayFair:
In den Regalen der Flächendiscounter findet man mittlerweile Bioweine ohne Ende. Die wenigstens Menschen wissen allerdings, dass nach den EU-Vorschriften die Aufschrift Biowein lediglich bedeuten muss, dass die Traube ökologisch produziert wurde. Das heißt aber nicht, dass das letztliche Endprodukt ein wirkliches Bioprodukte ist. Wie sehen Sie das? Im Keller kann man ja mit der Biotraube noch eine ganze Menge anstellen.
Herr Himstedt:
Der große Begriff Bio gliedert sich hier ja in viele verschiedene Bereiche mit vielen verschiedenen Standards. Zum Beispiel gibt es Demeter, Ecovin und unterschiedliche Bioproduzenten, die nicht unter einem Dachverband geführt werden. Manchen geht der Biogedanke nicht weit genug und wieder andere produzieren die Traube biologisch und der verbleibende Produktionsweg wird konventionell getätigt. Der Übergang, bei dem Bio aufhört und dann die Produktion wieder konventionell wird, ist mir nicht immer klar. Die Idee Bioweine zu produzieren ist ja noch nicht sehr alt. Vor ca. 15 Jahren begann man damit und heute sind viele Betriebe auf den Zug der Biowelle aufgesprungen um neue Märkte und Absatzwege zu erschließen. Ob das fertige Produkt dann wirklich immer dem Biogedanken entspricht ist nicht sicher. Durch den Einsatz von Schönungsmitteln wie z.B. Kupfer, wird der Wein dann oftmals gefälliger gemacht, weil es eben im Rebgarten mal nicht optimal gelaufen ist.
Gerade bei einem Jahr mit feuchtwarmer Witterung sind der echte und falsche Mehltau ein großes Problem. Diese sind durch Trauben, die wir aus Amerika importiert haben eingeschleppt worden. Die gezüchteten Trauben heute sind wesentlich weniger robust. Man hat fast gar keine Möglichkeit die Trauben gesund zu erhalten, ohne dass man Chemie einsetzt.
StayFair:
Hat das denn auch Konsequenzen aus Ihrer Sicht für das Produkt? Wenn Sie gezwungen sind hier und da Spritzmittel einzusetzen, die man nicht unbedingt mit Bio verbindet, gilt doch ihr Interesse dennoch dem gesunden Boden, da er der Nährboden für die nächsten 100 Jahre Kesseler-Weine ist. Sie haben ja Interesse daran, den Boden so gut zu schützen wie es geht.
Herr Himstedt:
Wir setzen Produkte in einem ganz begrenzten Rahmen ein, die chemisch sind. Man verzichtet allerdings heute auf Insektizide und auch weitgehend auf ständige Herbizideinsätze und handelt mehr und mehr mechanisch. Mechanisch heißt, da wo es möglich ist, werden Unterstockarbeiten z.B. mit der Schneideegge durchgeführt. Man lässt auch in bestimmtem Maße auch Begrünung aufkommen. Man hat als Ziel nicht mehr nur die Optik sondern man hat das Ziel gesunde Trauben zu ernten. Wir nutzen Kupfer und Schwefel, wie die biologisch arbeitenden Betriebe auch. Wir setzen nur in einer besonders kritischen Phase die potenteren Chemischen Mittel ein, um eine gesunde Basis zu schaffen und so die Qualität des Weines zu gewährleisten. Damit schonen wir auch unsere Böden langfristig.
StayFair:
Werden diese bis zur Ernte wieder abgebaut?
Herr Himstedt:
Die Mittel haben natürlich eine gewisse Persistenz und werden auch durch Regen wieder abgewaschen. Eine Rückstandsanalyse wird regelmäßig durchgeführt. Das machen unabhängige Prüfer. Diese kommen zufällig und überprüfen die Tauben und Rückstände indem sie Traubenproben nehmen. Ich darf bestimme Präparate unmittelbar vor der Ernte gar nicht mehr einsetzen und es wird darauf geachtet, dass die Mittel nur so eingesetzt werden, dass sie bis zur Ernte auch abgebaut sind.
StayFair:
Warum machen Sie keinen Bio-Wein?
Herr Himstedt:
Wie ich schon erklärt habe, gibt es Faktoren denen ich manchmal gar nicht anders begegnen kann als mit einem chemischen Mittel. Wir produzieren hier sehr hochwertige Pinot Noir Weine. Die Traube Pinot Noir an sich ist schon eine recht komplizierte Traube, z.B. im Vergleich zur Merlot-Traube. Um aus einem Pinot Noir ein Spitzenprodukt zu machen muss ich einfach viel mehr an der Rebe und dem Tackt arbeiten. Der Aufwand ist bis zu viermal höher als beim Riesling. Ich muss also behutsamer in meinen Entscheidungen sein und stets den optimalen Zeitpunkt treffen um bestimmte Arbeiten auszuführen. Also wann ich z.B. entblättere (a.d.R.Laub wegschneide) oder die Rebe ausdünne, sprich nicht alle Traubentackte wachsen lasse, die möglich sind, sondern einige wegschneide. Damit bekomme ich eine geringere Erntemenge, aber eine bessere Qualität. Das Ziel ist es die optimale Balance zu finden.
Stayfair:
Herr Himstedt, das Schöne an unseren Anbaugebieten ist ja, dass sie auch Erholungsgebiete sind und zu Kurzurlauben oder Wochenendreisen einladen. Was kann denn ein Laie sehen wenn er durch Weinberge läuft?
Herr Himstedt:
In Assmannshausen legen wir einen besonderen Wert darauf, dass die Triebe der Reben schön gerade hochgebunden sind und wenig "Geiztriebe" quer und wild wachsen. Damit Die Trauben schön hoch hängen, frei hängen und die Blätter sie nicht verdecken. Nur so bekomme ich die optimale, maximale Assimilationsleistung der Traube. Außerdem ist durch die Sonneneinstrahlung die Pigmentierung der Traube besser und das bildet bessere Aromen in der Traube aus. Dieser Aufwand ist ein Zeichen von Qualität, denn sie können sich vorstellen, hier ist viel Handarbeit im Spiel.
Erkennen kann man dann aber auch z.B. ob Trauben der gleichen Rebsorte von einer Parzelle zur anderen vielleicht viel dunkler sind, eben weil sie mehr Sonne bekommen haben.
Am Wurzelstock kann der Besucher auch viel über die Bodenbearbeitung sehen. Ist der Boden aufgelockert, und wurden unerwünschte Pflanzen mechanisch entfernt oder wurde die Fläche komplett chemisch abgespritzt? In den Reben sollten heute auch Dispenser mit Ferromonen hängen.
Damit werden Insekten wie Motten in ihrer Vermehrung gehindert und die Larven können dann die Trauben nicht mehr befallen. Auch diese Methode ist teurer als ein Spritzmittel. Dadurch habe ich im Weinberg eine größere biologische Vielfalt, auch an Nützlingen.
Die Idee dahinter ist "100% muss sein!". Damit meine ich Folgendes: Wenn ich bei jedem Arbeitsschritt wie dem Binden oder Entblättern immer versuche 100% zu geben, nur dann ist überhaupt ein Wein möglich der auch 100%ig gut ist. Lege ich bei einzelnen Schritten keinen hohen Qualitätsanspruch an, kann das Ergebnis, der Wein, auch nie 100% haben.
Das Ziel ist es mit hohem Aufwand eine geringere Menge an Wein dafür aber mit bester Qualität zu erzeugen. So ein Wein kostet dann aber auch schnell über 30,- Euro die Flasche.
StayFair:
Herr Himstedt, wir danken für das Gespräch.
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